In deutschen Schulen, ein stilles aber tiefsitzendes Diskriminierungsproblem

"Ich kann verstehen, dass ich das in meiner Schulzeit erlebt habe. Wir waren die ersten. Nicht aber bei meinem Kind. Das kann doch für die nächste Generation nicht immer noch ein Problem sein."

Vor ca. einem Monat hat ein Berliner Verwaltungsrichter eine Beschwerde geprüft, die von drei jungen Schülern aufgrund von angeblicher Diskriminierung an ihrer Schule eingereicht worden war. Alle drei Schüler haben einen, was in Deutschland als “Migrationshintergrund” bezeichnet wird; ihre Familien waren Immigranten der ersten Generation. Die drei Schüler erhielten keine wohlwollende Anhörung. Der Richter wies die Klage, die bereits im Vorfeld von einem Berliner Bezirksbürgermeister in einer lokalen Zeitung als “die verrückteste Klage des Jahres” bezeichnet wurde, ab. Konservative Medienberichte hatten einen ähnlich abschätzigen Ton; für sie, so schien es, war dies eine Beschwerde von Migrantenkindern, die die “Rassismuskarte” spielen wollten, um ihr eigenes Scheitern an der Schule zu entschuldigen.

Die drei Schüler und ihre Familien waren natürlich nicht alleine—unterschieden sich jedoch von anderen durch ihren Mut sich gegen die Erfahrungen an der Schule zu wehren.

Aussagen von Schülern, Eltern und Lehrern, die in einem neuen Fotobericht der Open Society Justice Initiative dokumentiert sind, spiegeln ein negatives Bild wider im Hinblick auf die Herausforderungen, denen Kinder “mit Migrationshintergrund” in Berlin ausgesetzt sind und die dieselben Bildungschancen haben wollen wie andere Schülers auch.

“Berliner Schulen haben ein Rassismus Problem. Aber das Wort 'Rassismus' löst eine solch starke emotionale Reaktion aus, dass diese Probleme kaum diskutiert oder sogar gelöst werden“, so Sharon Otoo, farbige Autorin und Mutter von vier Kindern. Nach Gülten Alagöz, Lehrerin und Mitglied des Bezirksrates Tempelhof, “sind sich die Menschen über die Existenz des Problems im Klaren [Diskriminierung an Berliner Schulen]. Das Problem ist jedoch, dass niemand öffentlich darüber spricht.“

Es ist immer eine Herausforderung für eine Person, die diskriminiert wurde, zu beweisen, dass das Erfahrene nicht bloß persönlich genommen wurde und sie einfach nicht gut genug waren. Es besteht ebenfalls eine Herausforderung für die Mehrheit: Keiner, bzw. kaum jemand mag es, Diskriminierungs- oder Rassismusvorwürfen ausgesetzt zu sein. Aber manchmal können Diskriminierung oder Rassismus verwurzelt sein in einem vordergründig rein leistungsabhängigen System, das seit langem bestehende Praktiken aufrecht erhält; manchmal geht in dem System unter, dass Kindern mit Migrationshintergrund die gleichen Chancen gegeben werden müssen und in manchen Fällen sogar zusätzliche Unterstützung, um ihnen dieselben Möglichkeiten und Chancen zu geben wie deutschen Schülern.

Woher wissen wir dann, dass Diskriminierung existiert? Aufgrund von Daten.

Die ersten offiziellen Anzeichen eines strukturellen Problems im deutschen Schulsystem zeichneten sich bereits 2001 ab, als eine einflussreiche PISA-Studie hervorhob, dass Risiko-Schüler—einschließlich solche mit “Migrationshintergrund”—schlechter in Deutschland abschnitten als in anderen Ländern. Indem sie öfters in schlechtere Klassen und Schulen geschickt wurden, wurde ihnen im Endeffekt die Möglichkeit genommen das Abitur zu bestehen, das für eine Ausbildung an der Universität notwendig ist.

Obwohl seitdem einige Reformen durchgeführt wurden, zeigen die Fakten, dass der Weg noch lang ist. Noch in 2010 hat eine Report des Bundesministeriums für Bildung aufgezeigt, dass zweimal so viele Kinder mit “Migrationshintergrund” die Berufsschule besuchen (die nicht zum Abitur führt) wie Kinder ohne “Migrationshintergrund”—trotz gleichem sozio-ökonomischem Hintergrund. Allein in Berlin verlässt nur ein Drittel der Schüler, deren erste Sprache nicht deutsch ist, die Schule mit einem Abschluss, der sie für die Universität qualifiziert (im Vergleich dazu verlässt die Hälfte der gebürtigen Deutschen die Schule mit einem solchen Abschluss). In 2012 berichtete die Berliner Regierung, dass zweimal so viele Schüler mit “Migrationshintergrund” vom städtischen Elite Gymnasium zur schlechteren Sekundarschule geschickt wurden wie gebürtige deutsche Kinder.

Leider werden Reformen allein keinen großen Unterschied bringen, wenn Schulangestellte und Eltern immer noch an Praktiken festhalten, die effektiv für eine Mehrheit der Schüler mit “Migrationshintergrund” eine Ausbildung “zweiter Klasse” bedeutet. Basierend auf den Aussagen der Lehrer, einschließlich deutscher Lehrer, werden deutsche Sprachkenntnisse und religiöse Anforderungen oft als Rechtfertigung genutzt, um Migrantenkinder in getrennte Klassen zu schicken. Gleichzeitig wird der Schule ermöglicht, deutsche Eltern mit “garantiert deutschsprachigen Klassen” zu ködern. Die Empfehlung einer hochklassigen Ausbildung (Gymnasialempfehlung) für Schüler mit “Migrationshintergrund” wird oft mit der Begründung in Zweifel gezogen, dass “das Kind nicht aus einer Familie komme, die großen Wert auf Bildung lege/in Bildung investiere”—eine spezifische Beobachtung in einer Leistungsgesellschaft.

Das Scheitern der deutschen Regierung im Hinblick auf die Gewährleistung von gerechten Bildungschancen für Schüler mit “Migrationshintergrund” stellt eine Verletzung von Völkerrecht sowie Bundesrecht dar und sollte hinterfragt sowie angefochten werden. Für Eltern und Schüler ist es jedoch immer schwer, ein Schulsystem herauszufordern, das Kontrolle über ihre Zukunft hat. Jegliche Art von formellem Protest birgt das Risiko, dass Kinder als “Querulanten” aus der Masse herausstechen. (Rechtliche) Abhilfen zu schaffen dauert oft sehr lange; oft ist das Kind schon zu alt oder es ist in der Zwischenzeit an eine andere Schule gewechselt.

Es ist Zeit für einen fundamentalen Wandel im Hinblick auf die Ausbildung/den Unterricht und die Unterstützung von Kindern in Berliner Klassen im Speziellen und in Deutschland generell. Dieser Wandel sollte Familien unter anderem eine sinnvolle und erfolgsversprechende Möglichkeit bieten, die ihnen widerfahrende Diskriminierung an Schulen anzugreifen. Ein erster Schritt sollte jedoch zuhören sein.

Zuhören, zum Beispiel den Eltern von Didem Yüksel, die über die Erfahrungen ihrer Familie berichten: "Ich kann verstehen, dass ich das in meiner Schulzeit erlebt habe. Wir waren die ersten. Nicht aber bei meinem Kind. Das kann doch für die nächste Generation nicht immer noch ein Problem sein."

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